Jan Böhmermann lieferte im Neo Magazin Royale des zdf_neo, am 07.04, seine sogenannte Schmähkritik gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ab - dabei war dieser Schachzug nicht nur genial, sondern vor allem auch rassistisch.

Schleunigst wurde das beleidigende Gedicht aus der Mediathek des ZDF entfernt. Doch nicht etwa, weil sich Böhmermann rassistischer Bilder, wie dem „Ziegenficker“ bediente. Auch die heteronormativen Bilder, welche er über Erdoğans Geschlechtsteile und Sexualität1 zeichnete, führten nicht dazu, dass der Beitrag gelöscht wurde - die Angst vor juristischen Folgen schien die Motivation des Öffentlich-Rechtlichen zu sein.

Eine Diskussion der Strafverfolgung sollte, aus anarchistischer Perspektive, keinen Gedanken wert sein und so wollen wir den Inhalt als solchen betrachten. Rassismus darf nicht relativiert werden, auch nicht um Diktator*innen wie Erdoğan zu provozieren.
Die Debatte, was Satire dürfe, und ob das Gedicht Satire sei ist dabei auch nebensächlich. Satire darf alles - Kunst darf alles; der Kontext (dessen, dass die Türkei die Strafverfolgung des Beitrags von extra3 fordert) zeigt, dass Schmähkritik an sich in diesem Fall Satire darstellt, weniger der Inhalt selbst. Darin liegt die Genialität. Die Satire der Satire selbst, die Erregung der Öffentlichkeit, durch die Justiz und Staatschefs ohne jeglichen Aufwand, die Kritik am Gesetzestext und nicht zuletzt die brenzlige Situation die Böhmermann dabei für Merkel auslöst.

Offen bleibt die Frage über den Umgang mit dem Rassismus. Auch wenn Kunst alles darf, sollten sich Künstler*innen fragen, ob sie ihr Ziel nicht auch anders erreichen können.
Muss ich wirklich Rassismus und Heteronormativität (fraglich ist ob Böhmermann das Konzept der Heteronormativität überhaupt kennt) reproduzieren? Muss ich andere Menschen verletzen oder kann ich es umgehen?
Als Beispiel kann uns verstecktes Theater dienen. Die abgewandelte Form des unsichtbaren Theaters, entwickelt von Augusto Boal, wird in der Öffentlichkeit aufgeführt ohne das Publikum jemals einzuweihen, dass es sich um Theater handelt. Dabei können Themen wie Rassismus durch eine überspitzte Belästigungssituation dargestellt werden. Während also ein*e Schauspieler*in trotzdem Rassismus reproduziert dient es dem Zweck Rassismus zu reflektieren und ist in seiner angewendeten Form auch so aufgebaut (beispielsweise dadurch, dass das Spiel und der Rassismus darin auf das bespielte Publikum abgestimmt ist und sichergestellt, dass es bei der Zielgruppe den gewünschten Effekt erzeugt).

Wir können an dieser Stelle nur mutmaßen ob Jan Böhmermann diesen offenen Rassismus einbaute um gerade eine Diskussion, wie sie über den Rassismus im Gedicht entbrannt ist, provozieren wollte (der Vorgehensweise Böhmermanns würde es entsprechen) oder es ihm einfach egal war.

Für Jan Böhmermann stand wahrscheinlich entweder die Frage im Raum, ob Erdoğan auch auf nicht rassistische „Kritik“ reagiert hätte oder er wollte weitere Lacher durch das Ressentiment generieren. Denkbar wäre auch, dass der Rassismus gezielt eingebaut ist, doch sollte dieser gezielter eingesetzt werden, um damit spielen zu können, und nicht nur Beiwerk sein.


  1. Die Sexualität wäre in diesem Fall eine gute Möglichkeit Erdoğan zu beleidigen, da er selbst Homosexualität und nicht heteronormative Bilder attackiert.

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