Warum sollten wir uns erneut mit Begriffen wie Toleranz und Akzeptanz befassen?
Warum erkenne ich die Notwendigkeit für eine Begriffsverschiebung?

Zuerst möchte ich anreißen wie die Begriffe heutzutage genutzt werden:
Der Toleranzbegriff wird auch als „Duldsamkeit“ beschrieben. Heutzutage steckt darin also bereits ein Moment des Ertragens. Es scheint als sei die fremde Handlung oder Weltanschauung eine Last die ertragen werden müsste. Goethe kritisierte treffend:

Dulden heißt beleidigen.

Das Prinzip hinter der Toleranz war bereits in der Antike ein eher gesellschaftsstabilisierender Faktor. Um Konflikte z. B. mit den Christ*innen zu vermeiden wurde das Toleranzedikt erlassen. Die neuzeitliche Toleranzidee hingegen bezog sich stark auf religiöse Toleranz. Statt Ketzer*innen zu bestrafen sollten sie missioniert werden. Dieser Paradigmenwechsel führte zur Idee der rechtlichen Gleichheit und die Aufklärung weitete den Gedanken auf jede „Andersartigkeit“ aus. Die Ringparabel aus Nathan der Weise legte den Grundstein für eine subjektive Betrachtungsweise. Einerseits wird darin der Wahrheitsanspruch aller Religionen legitimiert, andererseits wird ein subjektiver Moment genutzt - der eigene Glaube daran - um es nutzbar zu machen. Heute kann dieses Gleichnis als eine Beschreibung subjektiver Erkenntnistheorie ohne objektive Wahrheit aufgefasst werden. Denn selbst wenn das Subjekt (der Mensch) jede „Realität“ konstruiert wird das Konstruierte nur im Kontext der intersubjektiven (zwischenmenschlichen) Ebene nutzbar - viabel würde der radikale Konstruktivismus sagen.
Soll heißen, dass wir trotz der Tatsache, unsere Umgebung selbst zu konstruieren, auf dieser Basis zwischenmenschliche Aktionen kommunizieren können.
Die Akzeptanz hingegen wird als eine erweiterte Form der Toleranz aufgefasst. Sie steht im Gegensatz zur Aversion (Ablehnung) und entsteht aus dem Kontext. Ein Subjekt akzeptiert ein Objekt und affirmiert (zustimmen) es dadurch positiv. Die Akzeptanz hat auch ein unausweichliches Moment, wenn es um Unvermeidbares geht. Beispielsweise die Akzeptanz der Endlichkeit des Lebens.

Doch warum sind diese Begriffe heute ungenügend? Wir können in der Abgrenzung des Toleranz- vom Akzeptanzbegriffs einige Eigenschaften herausarbeiten. Der Akzeptanzbegriff wird eindeutig als kontextuell also räumlich beschrieben. Ich kann nicht akzeptieren was am anderen Ende der Welt geschieht und mich in keiner Weise betrifft. Es folgt also eine Betroffenheit als Voraussetzung für Akzeptanz. Toleranz hingegen wird heutzutage kategorisch gedacht, es soll dekontextualisiert sein. Die tolerierte Handlung ist für das Tolerieren irrelevant. Hier offenbart sich der repressive Charakter (Marcuse) der Toleranz. Durch kategorische (unbedingt und ohne Widerspruch) Toleranz, auch dessen was mich direkt betrifft, wird auch Unterdrückung toleriert. Wir können diesen Widerspruch in heutiger Gesellschaft wahrnehmen. Patriot*innen fordern Toleranz für ihre Position ein und ziehen gleichzeitig eine Grenze, denn die Position der anderen ist für sie nicht zu erdulden. Gleichzeitig auf emanzipatorischer Seite die Toleranz jeder Position außer sie wirkt unterdrückend. Nationalismus, Rassismus, Sexismus sollten nicht einfach toleriert werden, sie sollten angegriffen werden.
Eine bürgerliche Mitte mit einem kategorischen Toleranzbegriff zieht in diesem zweifelsohne auch Grenzen, z. B. in der Gewaltfrage (häufig irrsinniger weise Extremismus genannt). Dabei wird eine Nähe emanzipatorischer und antiemanzipatorischer Kräfte (häufig als Rechts und Links bezeichnet) konstruiert, diese würden ja gegenseitig Positionen nicht tolerieren und Gewalt als politisches Mittel anwenden. Dass sie selbst die Grenze ihrer Toleranz nur an einer anderen Kategorie ziehen fällt den meisten dabei nicht auf (emanzipatorische Grenze: Unterdrückung, nationalistische Grenze: Angriff auf Volksintegrität, bürgerliche Grenze: Gewaltanwendung und Zerstörung/Vandalismus).
Doch will ich nicht kritisieren, dass Menschen eine Grenze ziehen. Ich will sie dazu animieren, der repressive Charakter der Toleranz muss überwunden werden. In diesem Sinne lehnen linksradikale Gruppen die Toleranz teilweise völlig ab. Im Hinterkopf haben sie Menschen die Faschist*innen tolerieren - sie also gewähren lassen.
In dieser Thematik zeigt sich ein weiterer Widerspruch der einen Aspekt der Akzeptanz verdeutlicht. Es wird die Kritik angebracht, die Mitte, wenn sie selbst nicht faschistoid sei, würde nicht handeln. Sich nicht gegen die Faschist*innen zu stellen würde heißen sie zu unterstützen.
Akzeptanz heißt eine Handlung positiv zu belegen, so ist das bewusste ignorieren oder gewähren lassen von Faschist*innen eine minimale Affirmation (Zustimmung) zu deren Handlung. Solange die Möglichkeit besteht etwas gegen eine Handlung zu tun und diese nicht ergriffen wird ist auch das Nichtstun Unterstützung. Die Passivität bekommt ein aktives Moment. So kann ich beispielsweise nicht zu Hilfe eilen (oder wenn es sein muss die Polizei rufen), obwohl ich mitbekomme wie der Kiosk gegenüber überfallen wird. Vielleicht habe ich einen Streit mit derdem Besitzerin und kann, obwohl ich eigentlich nur passiv bin, dadurch aktiv eine Handlung unterstützen.
Die Toleranz jedoch auf Grund ihres kategorischen Charakters abzulehnen nimmt uns jegliche Trennschärfe und das Gefühl für eine sinnvolle und inhaltliche Toleranz. Deshalb benötigen wir neue Toleranz- und Akzeptanzbegriffe.

Ich schlage vor die Abgrenzung am zeitgeistlichen Kontext und den in den Begriffen bereits angelegten Grenzen vorzunehmen. Die Begriffe werden in ihrem impliziten Charakter nur stärker voneinander differenziert.
Wir haben einerseits die Notwendigkeit gegenüber gewissen Dingen Aversion auszudrücken. Diese Aversion muss aktiv geschehen. Das aktive Moment der Passivität muss hervorgehoben werden. Sowohl in seinem negativen als auch positiven Aspekt (negativ: Faschist*innen gewähren zu lassen, positiv: die Polizei bei gewissen Aktionen nicht zu rufen). Andererseits müssen wir in Zeiten von mehr regressivem und antiemanzipatorischem Denken Kategorien schaffen anhand derer wir die Toleranz bestimmter Dinge festmachen können. Der bereits nicht-räumliche Charakter der Toleranz sollte zu seiner entscheidenden Eigenschaft werden und sich von der räumlichen Vorstellung der Akzeptanz abgrenzen. Die Kategorie der Betroffenheit ist zwar nicht einfach oder objektiv feststellbar aber angemessen um individuell festzustellen ob ich eine Handlung eines anderen Menschen akzeptieren kann. Die Akzeptanz fremder Weltanschauung wird insofern obsolet, als dass Handlungen aus der Weltanschauung heraus entstehen und mich Weltanschauung als isoliertes gedankliches Prinzip nicht betreffen kann. Zurecht sollte an dieser Stelle eingewendet werden, dass Weltanschauung sich zumindest in subtilen Handlungen widerspiegeln, wenn sie nicht sogar zu aktiver Handlung führen. Als Beispiel kann Pädophilie dienen. Abgesehen vom Krankheitscharakter der Pädophilie ist sie erst einmal eine sexuelle Präferenz, die nicht zu übergriffiger Handlung führen muss. Sie kann deshalb erst einmal akzeptiert werden, solange sie Gedankenkonstrukt bleibt.
Die Betroffenheit als Kategorie wirft Fragen auf und zurecht kann an dieser Stelle eingewendet werden, dass die Definition was Menschen zwischenmenschlich betrifft keinen objektiven Maßstab bietet. Betrifft mich die ganze Menschheit? Darf ich in Unrechtsregime eingreifen? Darf ich in Vernichtungsphantasien wie den Holocaust eingreifen? Darf ich schon eingreifen, wenn Menschen strukturell benachteiligt werden?
Diese Fragen sind jedoch individuell zu klären und die eigene Handlung im zwischenmenschlichen Diskurs abzustimmen. Die Toleranz wird dadurch zum „Rest“ degradiert. Alles was mich nicht betrifft kann ich kategorisch tolerieren. Es gäbe keinen Grund, wenn ich für mich beschlossen haben, dass ein Unrechtsregime auf dem Mond mich nicht betrifft, dieses anzugreifen.

Es bedarf weiterer Diskurse die Kategorie der Betroffenheit zu schärfen und mit aktuellem Inhalt zu füllen. Dazu gehört es Konstrukte die Betroffenheit erzeugen wollen, wie die Nation, zu dekonstruieren und somit Grundlage für Nationalismus zu entziehen und Raum für eine emanzipatorische Betroffenheitskategorie zu schaffen.

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