Zur Anwendung einer politischen Praxis benötigt es mehr als die Überzeugung und Theorie einer direkten Aktion oder Öffentlichkeitsarbeit.
Der rekuperative (wieder in das kapitalistische System einordnende) Charakter der Gesellschaft kann durch vieles ausgedrückt werden - häufig durch Sachzwänge und fehlende Bezüge, deshalb Bedarf es einer Praxis, welche Menschen Halt bietet und ihnen auch gibt, statt nur zu fordern.

Grundlegend vertrete ich eine Mischung aus Insurrektionalismus und Syndikalismus. Die kleine Revolte im Alltag und stetige emanzipatorische Praxis sind die Basis für Arbeit in Gewerkschaften und um größere Aufstände anzetteln zu können und in emanzipatorische Bahnen zu lenken.

Die Struktur die ich dazu vorschlage ist eine aus anarchistischer Perspektive entworfene - muss jedoch nicht die konsequent heterarchische Organisation des Anarchismus enthalten.

  • lokale Strukturen aufbauen – Selbstorganisation fördern und Menschen die Möglichkeit schaffen schon im hier und jetzt Ausblick auf ein anderes Leben zu haben. Um sich einerseits nicht in das System so leicht reintegrieren zu lassen (z. B. wenn Nachwuchs darauf wartet das Licht der Welt zu erblicken oder Krankheit zu gewissem Verhalten zwingt (dies sind erwähnte Sachzwänge)) und andererseits auch die Praxis der eigenen Theorie auszuprobieren – wobei diese dann wieder auf die Theorie zurückwirkt. Warum dabei dezentral? Es ist die am wenigsten beherrschbare Form der Organisation, du entfremdest dich nicht von den anderen Menschen in Strukturen (der Mensch kann maximal zu ca. 150 Menschen in irgendeiner Weise emotionale Beziehungen aufbauen). Doch ist es auch nicht sicher, dass solche Beziehungen notwendig sind - in Kommunen gibt es auch Menschen die sich kaum kennen - doch sollte zwischen allen über Umwege eine Einbindung in das Netzwerk geschehen. Die Notwendigkeit einer zentralen Struktur ist nur in anderen Fällen gegeben - die dezentrale Struktur bietet Vorteile und kann ihre Nachteile ausgleichen.
    Diese Strukturen beziehen sich auf antifaschistischen (Selbst-)Schutz (z. B. in Bezugsgruppen), wirtschaftlich in Kollektiven (kann in Form von Kommunen (Niederkaufungen), Einzelhandel, Pflege, Landwirtschaft, Wohnkollektiven (Mietshäusersyndikat) und politisch offensiv agierenden Gruppen (Kunst, Sabotage) geschehen. Diese können sich von ihren Mitgliedern überschneiden müssen es aber nicht. Damit wird es zu freier Assoziation. Anstatt alles durch eine Partei oder über einen Verein zu organisieren steht es jedem Individuum frei mehrere Teile des Lebens (z. B. Wohnen und Arbeiten) in einem Kollektiv zu verbinden oder zu trennen. Auch sich kurzzeitig formierende Gruppen - sei es nur während eines Aufruhrs - zählen zu diesen lokalen Strukturen. Es entsteht eine sowohl zeitliche und räumliche nicht zu kontrollierende Dynamik.

  • Vernetzung der lokalen Strukturen – Zur Interaktion zwischen den Strukturen oder eben auf etwas größerer Ebene gemeinsame Aktionen zu planen benötigt es Netzwerke – die aber eben aus den lokalen Strukturen heraus entstehen. Von unten und nicht von oben (hier könnten diese dann z. B. das Internet nutzen um sich besser zu vernetzen).
    Verschiedene Buchkollektive bauen Kommunikationsstrukturen auf oder gründen sogar einen Zweig in einer Gewerkschaft, Kommunen in einer Region vernetzen sich auch wirtschaftlich und stärken sich somit gegenseitig. Antifa-Gruppen vernetzen sich und rufen einander zu Hilfe, wenn es mal wieder brennt. Eher insurrektionalistische Gruppen zeigen Vernetzung dann in Form von Hashtags auf Twitter oder dort bereits bestehenden Netzwerken.

  • Vernetzung als Infoplattform – Demonstration, Naziaufmarsch, Konzert, Soli-Kneipe all solche Informationen müssen möglichst effektiv verteilt werden. Dazu sollte es eine Form der Vernetzung geben in der, möglichst unabhängig der sonstigen Strukturen in denen sich das Individuum befindet, alle an diese Informationen kommen. Dies unterscheidet sich von den lokalen Strukturen und ihrer Vernetzung dadurch, dass es sich mehr um einen Informationsfluß handelt, welcher nicht durch andere Beziehungsvernetzungen zwischen den Nutzer*innen gekennzeichnet ist.

  • Ausspielkanäle – Abseits der Agitation durch die Tat an sich, z. B. in dem gezeigt wird, dass ein Wohnprojekt/Arbeitskollektiv funktionieren kann oder Menschen solidarisch die Kontrolle im ÖPNV verhindern, gibt es auch andere Möglichkeiten. Dabei sollte Ausspielkanal nicht wie der Volksempfänger verstanden werden, natürlich kann es auch zentralere Kanäle geben an denen sich Menschen sammeln die mehr über XYZ erfahren wollen (YouTube-Kanal der Lehrvideos produziert (hier findet eine Vermischung mit dem Informationsportal statt)), doch sind auch dezentrale Aktionen beispielsweise Kommunikationsguerilla oder einfach das Tragen von Ansichten in Netzwerke (Twitter) eine Form des „Ausspielens“.

  • Diskussionsplattform – Zum Austausch und zum Diskurs über Theorie und Praxis ist ein solcher Raum oder eine Internetplattform sehr sinnvoll. Darin nähern sich unterschiedlich Denkende an und Wissensrückstände können abgebaut werden. Ein Ort des Lernens und Beziehungen zum Vernetzen schaffen. Wie es z. B. Hackspaces, Reddit AskMeAnythings oder Diskussionssubreddits tun.

  • Veranstaltungsraum - Generell ist es eine lokale Struktur, doch speziell ist, dass dieser Raum eine offenere Haltung gegenüber anderen Kollektiven und Individuen erfordert ohne zwingend vernetzt zu sein. Es soll für alle die Möglichkeit geben Veranstaltungen ohne große Kosten abhalten zu können. Dabei bestimmen die Veranstaltenden den Rahmen. Es kann z. B. ein Kollektiv als lokale Struktur den Raum verwalten und den Rahmen stellen, sodass andere dort ihre Veranstaltungen abhalten können.
    Ein organisierendes Kollektiv stellt immer einen Rahmen dessen was akzeptiert wird. So wird in einem emanzipatorischem Kontext kaum eine nationalistische Band in solchem Raum auftreten dürfen. Es sollte aber immer bedacht werden, dass eher der Kontext (ist die Gruppe ansonsten radikal Links, welche Form der Diskriminierung ist es) und der Wille generell emanzipatorisch zu Handeln zählen sollte, als der reine Fakt Diskriminierung reproduziert zu haben. Das Streitthema des strukturellen Antisemitismus sollte beispielsweise im Rahmen innerlinker Diskussion speziell behandelt werden. Generell muss Bewertung am Safespacecharakter eines Raumes durchgeführt werden.

Diese Strukturen können sich räumlich überschneiden. Können sogar in einem vermischt werden - wichtig ist es ambivalente Tendenzen zu vermeiden sie aber auch nicht als Dichotomien aufzufassen. So fordert eine lokale Wohnstruktur eine gewisse Identifikation mit dem Rest der Menschen in dieser, während eine Diskussionsplattform oder ein Infoportal diese Identifikation nicht bieten kann, da konträre Positionen zusammenkommen. Doch zeigen sich diese Ambivalenzen immer nur in einem speziellen Kontext individuell.
Ähnlich verhält es sich mit den Klassifizierungen der verschiedenen Räume:

  • Meetingsspace – Es ist ein Raum in dem gewisse Diskriminierung mehr oder weniger zu erwarten ist. Eine Diskussionsplattform wird in gewisser Weise immer ein Meetingsspace sein. Menschen die diesen virtuell oder real betreten sind sich dessen bewußt und betreten ihn auch nur entsprechend, dass heißt aber nicht das nicht der Ansatz bestünde diese Diskriminierung abzubauen. So kann ein Kollektiv auch in dem Bewusstsein, dass es zu Diskriminierung kommen wird und sie sich damit auseinandersetzen müssen, einen Grundkonsens formulieren, der jegliche Diskriminierung ausschließt.

  • Freiraum – Ich verstehe unter Freiraum keinen Raum, welcher Frei von Diskriminierung und gesellschaftlichem Zwang oder gar Macht ist. Vielmehr ist es der Versuch gesellschaftliche Zwänge niedrig zu halten und Raum zum Experimentieren zu geben. Sei es in der Diskussion, in menschlichen Verhalten oder auch sexuell.
    Jeder Freiraum muss in gewisser Weise Safespace sein. Ohne den möglichst diskriminierungsfreien Rahmen des Safespaces kann auch kein Experimentieren eines Freiraums stattfinden.

  • Safespace – es ist ein möglichst diskriminierungsfreier Raum in dem die Auseinandersetzung bzw. Diskussion um die Diskriminierung nicht erwünscht ist.
    Es geht darum Menschen einen Rückzugsort vor der besonders ausgeprägten Diskriminierung der Gesellschaft zu bieten. Was dabei als diskriminierend gilt sollte in einem Konsens festgelegt werden.

Wichtig ist es, abseits Ambivalenzen zu vermeiden, dass alle Strukturen für alle Menschen zur Verfügung stehen. Es gibt immer Menschen die Veranstaltungen abhalten wollen, Lust auf Diskussion haben oder einfach mal Ruhe brauchen. Zudem ist das Bedürfnis nach Tätigkeit und Selbstverwirklichung sowie Wohnraum immer gegeben.

Diese Art der politischen Praxis soll dazu dienen einerseits politisch offensiv Agieren zu können andererseits auch sein triviales Leben nach den politischen Präferenzen zu organisieren.

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