Toleranz der Intoleranz stößt bei den meisten linken Kreisen, sowie teils bürgerlichen, auf wenig Gegenliebe. Dabei ist die Differenz zwischen Toleranz der Intoleranz und Intoleranz der Intoleranz lediglich ein sprachphilosophisches Konstrukt, welches auf der Differenzierung zwischen Toleranz und Akzeptanz fußt und sich als Toleranz ist hingegen kategorischer Toleranz nicht links zusammen fassen lässt.

Der Beleg für diese Aussage beginnt bei der Auffassung der armen Deutschen (auch als besorgte Bürger_innen bekannt) - mit der von ihnen viel formulierte Grenze der Toleranz. Es wird häufig artikuliert, dass es irgendwo ja auch mal gut sei schließlich müsse man sich nicht alles gefallen lassen.
Ich teile diesen Gedanken, ich toleriere es nicht beherrscht zu werden beziehungsweise nach Herrschaft sinnende Nationalist_innen und Rassist_innen in meinem Umfeld zu haben. Der Fehler den die meisten Menschen begehen ist es jedoch Toleranz und Akzeptanz zu verwechseln, es handelt sich nicht um Toleranz Herrschaft über sich ergehen zu lassen.
Toleranz beschreibt die Duldung von fremden Handlungen oder Weltanschauungen. Sie beschreibt jedoch nicht das Zulassen von Handlungen am tolerierenden Individuum. Die Toleranz bildet das Gegenstück zu kolonialistisch-imperialistischem und missionarischem Denken und stammt als philosophisch weitgehend anerkanntes Gut auch aus der Zeit des Kolonialismus - ein geistiges Kind der Aufklärung. Es ist also nicht intolerant, wenn mensch zum Beispiel ablehnt mit einer Person in einer Gemeinschaft zu leben, weil ihre Handlungen oder Weltanschauungen meinen Idealen widersprechen (z. B. die kategorische Ablehnung von physischer Gewalt als Grund nicht mit einem gewalttätigen Menschen zusammenleben zu wollen).
Auf Toleranz folgt Akzeptanz, sie beschreibt das eine andere Handlung oder Weltanschauung mindestens minimal affirmiert, legitimiert und anerkannt wird. Es ist sozusagen die Steigerung der Toleranz. Lasse ich eine Handlung an mir zu, beziehungsweise habe ich eine Person in meiner Gemeinschaft, welche eine andere Weltanschauung hat so affirmiere ich diese zu einem gewissen Minimum.
Zurecht kann an dieser Stelle eingewendet werden, dass die Definition was Menschen zwischenmenschlich betrifft keinen objektiven Maßstab bietet. Betrifft mich die ganze Menschheit? Darf ich in Unrechtsregime eingreifen? Darf ich in Vernichtungsphantasien wie den Holocaust eingreifen? Darf ich schon eingreifen, wenn Menschen strukturell benachteiligt werden?

Dieser Definition öffnet die Argumentation in zwei Richtungen. Zum einen, dass Rassismus, Nationalismus oder andere menschenverachtenden und exklusiven Denkweisen und Handlungen schon allein auf Grund der nationalstaatlichen Fassung nicht akzeptiert werden müssen. Durch das Wesen des bourgeoisen Staates, welcher mich als auch das menschenverachtende Individuum gleichermaßen unter seine Herrschaft stellt, bin ich durch dieses Konstrukt immer von Weltanschauungen und Handlungen betroffen. Dieses Argument lässt sich selbstverständlich auf die gesamte Menschheit ausweiten.
Zum anderen eröffnet es auch den Gedanken, dass mensch sich nicht von anderen Kulturen beeinflusst sehen will. Somit ist die Forderung durchaus legitim und moralisch nicht zu bewerten. Dennoch wird in der Realität der bestehenden Verhältnisse, als auch in der utopischer Verhältnisse, immer ein weiter Teil anderer Individuen dafür mit in eine andere von ihnen nicht gewollte Gesellschaftsform gezwungen. So ist es nicht legitim die Abschaffung des Kapitalismus als weltumspannende Gesellschaftsform anzustreben, seine Totalität und Unausweichlichkeit, welche Menschen in diese Gesellschaftsstruktur zwingt, hingegen schon. Gleichermaßen verhält es sich mit der Forderung von Menschen, welche Angst vor Fremdem haben. Sie sollten die Möglichkeit haben sich in einer Region abzuschotten.

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Dieser kleine Exkurs in meine Philosophie ist nur Voraussetzung um die Frage zu klären, ob es akzeptabel sei Demonstrationen, wie zum Beispiel die Nationalist_innen-Demonstration in Hamburg am 12.09, zu blockieren.
Bei der obigen Argumentation ging ich immer davon aus es sei nicht mein Recht, das Demonstrationsrecht, dass nicht der Staat den Menschen gewährleisten soll, sondern ich von mir aus jedem Menschen gewährleisten will, einzuschränken. Das gilt selbst dann, wenn es sich um Nationalist_innen, Rassist_innen oder andere menschenverachtende Individuen handelt. Im Kern handelt es sich zunächst um eine Bewegung durch einen öffentlichen Raum, wobei hierbei auch mit Parolen und Zeichen agitiert wird. Auf den ersten Blick hatte ich keinen Grund und keine Legitimation diese Menschen daran zu hindern.

Kritik an dieser Position hörte ich häufig, denn jeder Nazi sei einer zu viel und menschenverachtendes Gedankengut dürfe nicht verbreitet werden. Das überzeugte mich jedoch nie. Woher kann ich wissen, dass meine Ideologie nicht die Richtige ist? Vor allem dann, wenn Ideologie nie der Realität entspricht? Wieso dürfte ich selbst wenn sie falsch liegen ihr Recht einschränken?
Ich nahm an ich könnte ihre Einstellung und Handlungen eben nicht akzeptieren und müsste ihnen laut und entschlossen als Gegendemonstrant_in entgegentreten, Flagge zeigen und - am Rande ihrer Demonstration - dafür einstehen, dass exklusives Denken aus den Köpfen der Menschen schwindet.
Interessant fand ich jedoch den Gedanken, ein besetztes Haus oder eine Geflüchtetenunterkunft militant mit Sitzblockaden zu verteidigen. Ich empfand es als legitim so ein Herrschaftsmoment zu durchbrechen. Kurz: Wenn es mir taktisch einen Vorteil verschafft auch mit dem legitimen Mittel von aktiver oder passiver Gewalt gegen Herrschaft über mich oder Menschen denen ich helfe vorzugehen. Philosophisch wird es an dieser Stelle wieder problematisch, da Gewalt fast jede (soziale) Interaktion umfassen kann. Mithilfe eines Demonstrationszugs eine Straße zu blockieren stellt ebenso Gewalt dar, wie auch der Wurf eines Steines. Ich lehne dabei jegliche Gewalt in Form von physisch-aggressiver Gewalt (Steinwurf, unsymbolischen Zerstörung von Gegenständen), aus Prinzip, ab. Sie erscheint mir nicht als Mittel geeignet, welches eine emanzipatorisch und sozialrevolutionäre Idee vertritt. Will ich bestehende Verhältnisse negieren, muss auch dieser Bestandteil der Verhältnisse Teil davon sein.
Passive oder verweigernde Gewalt hingegen erscheint mir als emanzipatorisches Mittel. So kann eine Blockade vor einem Haus oder einem Kastor durchaus direkt einen Einfluss auf die Herrschaft haben die ich bekämpfe. Da meine Werte jegliche Herrschaft über mich ablehne, ist auch die Blockade einer Demonstration die genau diese Herrschaft etablieren will, legitimiert.

Gehen Nationalist_innen auf die Straße so sprechen sie sich für eine extreme Herrschaft über ein Nationalgebiet aus, sie haben das exklusive Denken auf die Spitze getrieben und wollen Volksschädlinge entfernen um vermeintlich das Wohl des Volkes zu erhöhen. Als linksgerichteten Menschen trifft mich dieser Wille direkt, jedoch können auch Menschen die weiß, männlich, blond, blauäugig und deutsch sind sich an Aktionen gegen diese Herrschaft beteiligen, denn es ist durchaus legitim sich mit einem anderen Menschen und ihren Kämpfen zu solidarisieren und sich an ihrer statt oder mit ihm daran zu beteiligen.
Während ein Großteil der Linken Gegendemonstrationen meistens als Schutz für Schwächere auffasst, handelt es sich dabei auch fundamental um Selbstschutz, also ureigenes Interesse.

Diese Argumentation stellt nichtsdestotrotz keinen Freifahrtschein für interventionistisches Verhalten auf dem Erdball dar, wenngleich sie klar machen soll, dass eine friedliche Blockade ein legitimes Mittel darstellt, die offen gewünschte und ausgesprochene Herrschaft der Nationalist_innen oder jeglicher Herrscher_innen zu bekämpfen.

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