Traditionell gibt es am Abend des 1. Mai die Revolutionäre 1. Mai Demo. Bekannt ist der 1. Mai, beim deutschen Bürger, vor allem für seine Krawalle. Aber warum kommt es überhaupt soweit und was hat das mit Revolution zu tun?

Bericht

Aus der S-Bahn Station Altona am McDonalds vorbei, kommen wir aus dem Untergrund an den ZOB Altona und stellen uns zu den sich ansammelnden Demonstranten.
Schon bevor der Zug in Bewegung gesetzt wurde, habe ich mit einem dogmatischen Trotzkisten der Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands gesprochen, der ironischerweise seine Zeitschriften sehr gut an mich weiterverkaufen konnte, während er auf die Imperialisten und Kapitalisten schimpfte.

Ich erfuhr außerdem, dass die Demonstration sich gespalten habe und zwei verschiedene Demonstrationen nun in Richtung Reeperbahn und die andere in die Innenstadt liefen.
Nachdem der Sprecher auf dem Demonstrationswagen skandierte, man solle sich doch nicht von den Polizisten provozieren lassen, aber mit keinem Wort erwähnen wollte, dass die Demonstrationsteilnehmer doch auch Provokationen unterlassen sollten, setzte sich der Zug in Bewegung. Nach den ersten 20 Metern flammten die ersten Bengalos auf und Böller flogen durch die Luft.

An der ersten Kreuzung vor dem Altonaer Rathaus wurde der Zug gestoppt und von der Polizei Wasserwerfer in Stellung gebracht. Über einen Lautsprecher wurden die Demonstrierenden dazu aufgefordert, Straftaten zu unterlassen (vermutlich das Werfen von Feuerwerk auf Beamte). Nach einer 10-minütigen Wartezeit, ohne weitere Zwischenfälle, wurde die Weiterfahrt genehmigt.

Links und rechts von Anwohnern aus den Fenstern oder vom Balkon aus gefilmt und begleitet von anti-Polizei Deutschrap, kam der Zug schließlich zur S-Bahn-Station Königsstraße. Während kurz zuvor Demoparolen in der verhaltenen Stimmung verhallten und kurze Redebeiträge zur internationalen Solidarität aufriefen, stürmten einige maskierte Demoteilnehmer in die gegenüberliegende Shell-Tankstelle um dort Bier zu entwenden.
Daraufhin wurde - ganz der Erwartung nach - der Zug erneut zum Stehen gebracht und eine Hundertschaft der Polizei zog vor die Tankstelle um den Diebstahl zu verhindern. In diesem Zuge flogen einige Glasflaschen in Richtung Polizei.
Schließlich meldete sich der Sprecher vom Wagen und meinte, es sei ja eine "gute Aktion an sich", aber man solle sich doch auf das Gesamtbild konzentrieren. Eine Art Stellungnahme dazu auf der Facebookseite in den Kommentaren.

Nach kurzer Zeit konnte der Zug tatsächlich weiterfahren, doch schon einige Meter hinter der S-Bahn-Station stoppte der Zug erneut und die Polizisten stürmten den Demonstranten entgegen. Mit einigen Teilnehmern rannte ich zu einer kleinen Gasse zurück, während andere in der S-Bahn-Station Schutz suchten.

Von dem anliegenden Schulgelände und den Gassen wurden Steine, Flaschen und was sonst noch so vorhanden war, auf den anrückenden Wasserwerfer geworfen.
Von einer Bank aus beobachtete ich, wie die Holzzäune um die Wohnblöcke demontiert und als Wurfmaterial verwendet wurden, während Polizisten sich auf der Straße aufbauten und dazu aufriefen, Straftaten zu unterlassen.

Nachdem sich die Polizisten zurückgezogen hatten, sammelte sich der traurige Rest der einst 1000-2000 Leute um den LKW, um die Demonstration fort zu setzten. Doch nach kurzer Zeit bewegte sich ein kleiner Trupp von 20 Polizisten durch die Menge auf eine Gruppe von Demonstranten an einem Eisenzaun zu. Diese machten sich sofort daran, über den selbigen zu klettern. Doch für einen der Gruppe half alles nichts. Von mehreren Polizisten festgehalten war nur noch Schlagstock hoch - Schlagstock runter zu sehen, während der Rest der Polizisten die Szene abschirmte.

Ein Journalist versuchte vergeblich Fotos der Festnahme zu machen. Bei jedem Versuch den Auslöser zu drücken stupste ihn einer der Beamten an, sodass die Aufnahme verschwamm. Das Resultat daraus war, dass einige Demonstranten sich beschwerten, dass die Pressefreiheit nicht eingehalten werde. Ein paar Demonstranten versuchten die Situation zu entschärfen. Während ich mich mit einem Polizisten unterhielt, flog weißes Pulver, vermutlich Mehl, auf einen seiner Kollegen. Ich spürte nur noch den Stiefel an meinem Schienbein und wie (netterweise?) einer der Beamten mich aus dem Laufweg des Trosses hob.
Wie ich später von einem Polizeikommissar erfuhr, war dies eine vorsätzliche Wartetaktik.

Kurz darauf konnte es weitergehen. Ein anscheinend eingekesselter Teil der Demonstration traf mit unserem Zug zusammen und es ging ohne weitere Zwischenfälle auf die Reeperbahn. Dort wurde dann traditionell versucht Krawall zu machen. Dies wurde aber von dem enormen Aufgebot der Polizei verhindert.
Eingebrannt hat sich bei mir das Bild wie ein Trupp der Polizei mit wildem Kriegsschrei und erhobenen Knüppeln auf eine Gruppe Demonstranten zustürmt.
Die Schotten im Ansturm

Revolution?

Eigentlich hätte die Unterhaltung mit dem Troztkisten zu Anfang die Auffassung von Revolution, die hier vertreten wurde, sehr gut beschrieben.
Um den Kontrast zwischen dem, was ich unter Revolution verstehe, sowohl aus Literatur als auch meinen eigenen Idealen heraus und dem, was die Auffassung vieler Demoteilnehmer, die Veranstalter und erwähnten Trotzkisten ist, herauszuarbeiten, möchte ich mit einer Beschreibung meines eigenen Verständnisses anfangen.

Der Begriff der Zurückwälzung, der mit der sozialen Revolution gemeint ist, kann auch gut als Evolution oder Transformation bezeichnet werden. Wie man es auch nennen mag: Es ist eine Veränderung der Sozialstruktur angestrebt. Einhergehend mit der Neustrukturierung der Wirtschaft und Politik als Mittel oder auch einfach als Ziel.
Tatsächlich umfasst die soziale Revolution, gerade weil sie eine solche grundlegende Umstrukturierung anstrebt, viel mehr als nur die Straßenschlacht oder gar die gewaltsame Enteignung der Kapitalisten.
In Spanien baute die CNT (Anarcho-syndikalistische Gewerkschaft) bereits 40 Jahre vor dem Bürgerkrieg Schulen. Um Allgemeinbildung zu fördern und auch ihre eigene Ideologie zu verbreiten, sowie Akzeptanz bei der restlichen Bevölkerung zu fördern.
Für mich persönlich ist es unmöglich wie auch falsch, Menschen durch ein totalitäres System eine solche Veränderung aufzuzwingen. Selbst wenn man eher von der zentralistischen Variante überzeugt ist, wird von entsprechenden Theoretikern nicht geleugnet, dass es entsprechende Zustimmung wie auch Bildung braucht.

Im Gegensatz dazu schien die Auffassung des Trotzkisten sich lediglich auf den möglichen Höhepunkt einer Revolution zu beschränken, bei der Arbeiter die Kapitalisten gewaltsam enteignen. Seine gesamte Darstellung wirkte wie die Idee einer spontan Revolution, wobei er sich zusätzlich über anarchistische Wohnprojekte lustig machte1 und seine Revolution im Kontext für alternativlos erklärte.

Auch das Handeln einiger Demonstranten schien so, als seien sie gerade dabei, jene Kapitalisten zu enteignen, die sie so hassten oder ein besetztes Haus zu verteidigen, ohne jedoch tatsächlich eines dieser Ziele zu verfolgen. Seltsam wird es, wenn die zum Teil gleichen Leute eine auf ihrem Weg liegende Tankstelle, scheinbar willkürlich, ausrauben.

Um so fraglicher werden die Motive der Gewalt, wenn während der Demo hauptsächlich gegen die Polizei gerichteter Musik gespielt wird, die alles andere als zukunftsorientiert, utopisch oder revolutionär ist, sondern schon eher aggressiv und ignorant daher kommt.
Auf meine Anfrage hin, ob der Sprecher denn nicht mal ein paar deeskalierende Worte sagen könne, sagte er mir, dass sie ja schon Musik spielten um die Stimmung zu beruhigen.
Seine späteren Worte der Deeskalation wirkten eher wie eine Farce, als er wieder allein die Polizisten aufforderte zu verschwinden und die Demonstranten, sich nicht provozieren zu lassen.

Brauchen wir also eine solche Antipolizeidemo, die nur Hass und Zwiespalt sät? Die nicht einmal explizit dem Staat oder Gewaltmonopol entgegen steht, sondern nur ihre Wut rauslassen will. Die zudem die Gesellschaft weiter gegen uns aufbringt.

Wie ein anderer Demoteilnehmer auf der Rückfahrt treffend sagte, das ganze wirkt eher destruktiv.


  1. Er kannte anscheinend den Kontext und die Idee dieser Projekte nicht.

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