Die mediale Aufmerksamkeit für die Friedensmahnwachen oder auch teils die neue Friedensbewegung genannt war zumeist eher gering. Schrieb eine der Zeitungen darüber, welche heftig von den Teilnehmern dieser Mahnwachen kritisiert wurden, fiel das Urteil zumeist ernüchternd aus. Neurechts, Querfront, Verschwörungstheoretiker.
Wie ein guter Freund mir einmal sagte, ist es aber auch kein Wunder, denn wie man in den Wald hinein ruft, so hallt es wieder heraus.

Um mir ein eigenes Bild zu machen fasste ich den Entschluss mir die Veranstaltung persönlich anzuschauen. Bestärkt wurde ich in meiner Entscheidung dadurch, dass die alte Friedensbewegung, ob nun opportun um sich vor dem endgültigen Absterben zu retten oder nicht, mit den Mahnwachen zusammenschloss.
Ich besuchte die Mahnwachen, welche normalerweise immer montags am Jungfernstieg stattfinden, im Januar/Februar 2015. Ich muss hierbei erwähnen, dass die Mahnwachen anfangs noch in einem Restaurant stattfanden, um die Teilnehmer nicht festfrieren zu lassen. Meine letzten 2 Besuche fanden wieder auf dem Jungfernstieg statt. Die Besucherzahlen dümpelten zwischen 40 und 60 Leuten dahin, wobei sie im Sommer deutlich steigen sollten.

Ich möchte meine Erfahrung in dem Restaurant größtenteils ausklammern, da die Veranstaltung regulär auf dem Flaggenplatz stattfindet.
Ich fahre also zur S-Bahn-Station Jungfernstieg und gehe auf die Einkaufsmeile. Gegenüber vom Applestore befindet sich direkt an der Alster ein Pavillon, unter dem die Veranstalter ein Mikrofon aufgestellt haben. Vor dem Redner steht ein Kameramann mitsamt seiner Ausrüstung und im Halbkreis haben sich die anderen Teilnehmer oder Interessierten versammelt.
Mir schießt eine Szene aus das Leben des Brian durch den Kopf:

Einer der Veranstalter, Hendrik, trägt einen Wochenrückblick vor. Er ist ein junger Student, doch der Altersdurchschnitt der Umstehenden liegt deutlich über seinem.
Bisher bewegt sich alles im Rahmen linker Meinung (nachträgliche Anmerkung: würde sie aus heutiger Sicht eher als bürgerlich oder links-reaktionär einstufen). Es folgt eine freie Rederunde, Redezeit wird im Minuten, in Form von Tischtennisbällen vergeben.
Als erster tritt ein Mann mittleren Alters an das Mikrofon. Aus seiner Umhängetasche zieht er ein paar Brote und bietet sie gegen eine Spende an. Diese Szene wirkt etwas befremdlich und zeigt schon eine erste Problematik der Mahnwache auf.
Versteht mich nicht falsch: Er ist ein sehr netter Mensch und hat mir schon eine Art Lembasbrot der Veganer angeboten - ein Magenfüller sondergleichen. Doch die Frage ist, ob so etwas nicht eher in eine Einrichtung wie das kollektive Zentrum gehört.

Auf der Mahnwache vermischen sich zwei Ideen die in unseren Gesellschaften nicht gut miteinander vereinbar sind. Zum einem ist das Werben für einen globalen Frieden, für ein friedfertiges Deutschland und gegen den Krieg, zum Beispiel in der Ukraine. Zum anderen wäre da noch der Hauptgrund, aus dem ich die Veranstaltung so interessant fand. Das anarchisch anmutende Ziel der absoluten Redefreiheit.
Das Problem mit kategorischer Redefreiheit stellt sich so oder so. Denn eine solche Praktik zieht gerade die Leute an, die von der Gesellschaft aktuell stumm gehalten werden, worunter ohne Frage auch so manche psychotische oder persönlichkeitsgestörte Menschen fallen.
Ich finde es sehr wichtig, solche Praktiken zu fordern und auch selbst zu praktizieren , um damit vertraut zu werden. Bei der Mahnwache stellt sich aber die Frage, ob diese Praktik gegenwärtig konstruktiv und nicht eher destruktiv ist, indem die gesamte Gruppe diskreditiert wird.
Denn solange sich Instabile dadurch anziehen lassen wird die Gruppe nach außen von der Gesellschaft eher durch diese Leute definiert.
Idealisten müssen sich immer die Frage stellen, ob hier die Verwirklichung der eigenen Ideale zum Tragen kommen oder ein anderes Ziel erreicht werden soll. Ich bin in diesem Punkt sehr extrem und tendiere fast ausschließlich dazu, meine Ideale zu leben. Doch wenn es darum geht, für Frieden zu sorgen oder Menschenleben zu retten, ist die Bildung einer familiären Struktur nicht förderlich, es steht der Mehrheitsbildung eher entgegen.

Jedoch zurück zu meinem Besuch. Ich muss die dezentrale Organisation der Mahnwachen deutschlandweit lobend erwähnen. Wie ich im Gespräch mit einigen Organisatoren erfahren habe, sind die Mahnwachen komplett unabhängig, vernetzen sich aber untereinander.
Trotz alledem wird aber die Tendenz zu Medien und Leitfiguren der anderen Mahnwachen deutlich. So ist ein vielzitierter Journalist Ken Jebsen - und teils wird auch seine Methodik der übertriebenen Scharfmache in die Mahnwache getragen. Für die Bewegung selbst ist diese höchst gefährlich (abgesehen von dem Einsteig in esoterische oder verschwörungstheoretische Inhalte), denn mit einem solchen Verhalten geht politischen Bewegungen schnell die Puste aus.
Nach der freien Rederunde folgt ein Vortrag oder eine offene Diskussion. Hierbei reicht die Bandbreite von theologisch-philosophisch bis Politsatire, das Niveau von bigott bis hoch philosophisch. Meistens wird sich an herrschenden Verhältnissen orientiert, wenig theoretisch oder idealistisch.
Um hierfür zwei extreme Beispiele zu nennen: Bei meinem letzten Besuch trug ein Teilnehmer einen Vortrag zum Anarchokapitalismus, auch Libertarismus genannt, vor. Die dabei verwendete Rhetorik und Argumentation wirkte an den Haaren herbei gezogen. Die hochkomplexe Thematik wurde dabei soweit vereinfacht, dass jeder der Anwesenden mitkam.
Zunächst verwundert und freudig überrascht, dass ein solches Thema angesprochen wird, fehlte mir damit jedoch jeglicher Tiefgang. Der Applaus bei Passagen, in denen die Steuern als Unrecht entlarvt und höhere Einnahmen versprochen wurden, offenbarten den engstirnigen Charakter des Publikums. In der darauffolgenden Debatte wurde es nicht viel besser, denn auch von linker Seite kamen kaum tiefgehende Argumente, wenngleich einige meine Einwände verstanden und es durchaus andere gab, welche Oberflächlichkeit leid waren.

Ein anderes extremes Beispiel, welches durchaus den Vorurteilen eines Teils der linken Presse entspricht, erlebte ich bei meinem ersten Besuch. Ein junger Mann, vielleicht 1–2 Jahre älter als ich, saß vor mir und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er den Islam für eine Gefahr in Deutschland hält und die AfD wählen wollte. Er konnte jedoch weder definitiv artikulieren, was für ihn das Problem war, noch konnte er auf meine Argumente antworten. Ich habe ihn nie wieder bei den folgenden Mahnwachen gesehen. Aus einer ähnlichen Ecke kam der erwähnte Brotverkäufer. Während er meinstens auch noch einen sitzen hatte, erzählte er teils übertriebene Geschichten über Kriegsverbrechen der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg (Rheinwiesenlager), die schon sehr stark in die Absurdität abglitten und auf eine Relativierung des Holocaust abzielten.
Ich kam mir fast wie auf einem Markt vor, auf dem jeder seine Geschichten und Theorien verbreitete. Mir wurden immer wieder Aufsätze über allerlei Verschwörungen in die Hand gedrückt und es mag sein, dass einige davon sogar stimmen. Nur stelle ich mir die Frage, wie es uns dem Ziel des Friedens näher bringen soll… ist es nicht irrelevant, ob wir die Deutschland GmbH sind oder nicht? Hilft das den Menschen in der Ukraine? Den Menschen in Israel/Palästina? Im Nordirak und Syrien?
Ich denke nicht, doch es scheint vielen wichtiger zu sein, irgendeine vermeintliche Wahrheit zu tage zu fördern, als eine starke und einflussreiche Friedensbewegung aufzubauen.
Es ist an einer solchen Art Gruppe (Redefreiheit, offene Veranstaltung, familiäres/kollektives Verhältnis) nichts Verwerfliches, ich finde es sogar positiv. Doch sollte dies nicht das Hauptaugenmerk einer Bewegung sein, welche sich auf die Fahne schreibt, für den Frieden zu kämpfen. Vielleicht sollten die Veranstalter hier trennen und mehrere Veranstaltungen organisieren. Bei der einen geht es darum, dem Frieden näher zu kommen. Bei der anderen um politische und philosophische Bildung und Austausch.
Ich meine mich sogar zu erinnern, wie Teilnehmer meinten, es sei ja mit so wenigen Leuten viel angenehmer, da könnten sie genau diese familiären Verhältnisse aufrechterhalten. Mit einer solchen Limitierung und dem oberflächlichen Niveau war für mich der Punkt erreicht, wo ich mit dieser Bewegung nichts mehr anfangen konnte.

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